Versagensängste und Verlierer-Frust bei Kindern begleiten
Verlieren können muss man lernen. Denn Verlieren tut weh und deshalb tun schon kleine Kinder alles dafür, nicht zu verlieren. Oft bleibt ein Geschmack zurück: "Bin ich gut genug?" Der Umgang mit Fehlern und Versagen ist etwas, das Eltern direkt beeinflussen können. Es hat sehr viel mit unserem Mindset zu tun.
SCHULEGROWTH MINDSETEMOTIONSREGULATIONLEISTUNGSDRUCKSELBSTWERTFRÜHKINDLICHE BINDUNG
Johanna Geiger
10/25/2026
Wir alle kennen das unangenehme Gefühl, sich als Verlierer oder Versager zu fühlen.
„Mensch, ärgere dich nicht“ macht diesen Trigger des Spiels sogar zum Titel.
Kinder und Heranwachsende dürfen lernen, zu verlieren und Fehler zu machen.
Manche können sich Fehler nicht verzeihen und ärgern sich furchtbar doll und lange über sich selbst. Sie fühlen Verlierer-Frust. Das kann man bei vielen Kindern beobachten.
Andere Heranwachsende fühlen sich als Versager, wenn sie die Kontrolle nicht behalten können. Sie ärgern sich eher in Situationen, in denen sie Kontrolle abgeben müssen, also z.B. einem Schulteam vertrauen müssen oder ein Spiel spielen, in dem das Gewinnen nicht auf Strategie, sondern auf Glück beruht. Mein Sohn ärgert sich zum Beispiel sehr darüber, wenn seine Mannschaft in der Schule verliert. Er würde am liebsten alle Bälle selbst werfen, denn er möchte nicht die Kontrolle anderen Mitschülern überlassen, die seiner Meinung nach nicht gut werfen können.
In beiden Fällen dürfen die Kids einen guten Umgang damit finden und wir Eltern können ihnen dabei helfen:
1. Umgang mit Fehlern:
Geht es bei Deinem Kind eher um den Umgang mit Fehlern, so empfehle ich Dir, dich mit dem Growth Mindset zu beschäftigen. Das Growth Mindset geht davon aus, dass der Mensch sich nur durch FEHLER überhaupt entwickeln und wachsen kann. Fehler sind dabei wichtige HELFER! Es geht um die Etablierung einer toleranten Fehlerkultur in Familie und Schule.
Unsere westliche Kultur lehrt Kinder leider allzuoft ein Starres Mindset, in welchem ein Fehler als "schlecht" bewertet wird und Kinder dabei in Schubladen gesteckt werden: intelligent - mittelmässig - dumm. Das kann man am Schulsystem ablesen. Das Starre Mindset wird über Aussortierung nach der Grundschule, über Notengebung, über rote Markierung von Fehlern in Aufsätzen und Klassenarbeiten unseren Kindern übergestülpt. Sie denken nun, dass Fehler schlimm wären. Eher lügen sie, als einen Fehler zuzugeben.
Im starren Mindset wird der Selbstwert an Leistung und Ergebnis geknüpft, was die Weiterentwicklung verhindert.
Ich habe in folgendem Artikel ausführlich über das GROWTH MINDSET geschrieben und konkrete Tipps gegeben, wie du dieses Mindset im Alltag unterstützen und stärken kannst - sowohl bei dir als auch deinem Kind: --> hier gehts zum Blogartikel Growth Mindset.
2. Umgang mit Kontrolle:
Hat Dein Kind eher ein Problem mit dem Verlust von Kontrolle, geht es vor allem darum, Neutralität zu üben und Vertrauen aufzubauen. Neutralität lässt sich über Abstand herstellen z.B. über den Adlerblick. Aus dieser Perspektive könnt ihr euch die Situation genau anschauen:
Stimmt es wirklich, dass ich überhaupt keine Kontrolle habe?
Wo kann ich dennoch Einfluss nehmen, und sei dieser Einfluss noch so klein?
Was kann ich konkret an meiner Haltung und inneren Einstellung verändern?
Wir beziehen Kontrolle sehr oft auf unsere Handlungen. Wenn ein Kind sich handlungsunfähig fühlt, sieht das nach Kontrollverlust aus. Dennoch macht die Einstellung den Grossteil der Veränderung aus. Selbst wenn also im Aussen keine konkrete Veränderung durch das eigene Verhalten möglich ist, können wir innerlich einen Riesenunterschied machen.
Ein Beispiel:
Der Mathelehrer mag dein Kind nicht und erklärt auch nicht toll. Mathe ist für dein Kind sowieso eine Art "Hass-Fach". Auf den ersten Blick erscheint diese Situation aussichtslos. Dennoch könnt ihr gemeinsam daran arbeiten, dass die Beziehung zwischen Kind und Lehrer weniger wichtig genommen wird und dass die Liebe zu Mathe wächst oder sich öffnet.
Wenn nämlich der Hass bestehen bleibt, wird dein Kind den Grossteil seiner Energie auf WIDERSTAND lenken, sowohl gegen den Lehrer als auch gegen das Fach. Diese Energie wird dann für etwas verschwendet, anstatt sie sinnvoll in das Üben der Mathe-Aufgaben zu investieren. Das macht am Ende im Ergebnis einen Riesenunterschied.
Ich konnte in meiner Familie das Thema angehen durch eine Nachhilfe-Lehrkraft, die für das Kind plötzlich ein gutes Vorbild und motivierend war. Die Liebe zum Fach konnte damit wieder aufblühen.
Vertrauen als Gegenspieler zur Kontrolle baut sich vor allem über Sicherheit in der Familie auf. Dazu gehört, dass du als Elternteil
Dein Kind auch im Kontrollverlust genau so annimmst (anstatt es abzuwerten)
Vertrauen in seine Entwicklungsfähigkeit hast
selbst bereit bist, Kontrolle loszulassen
Oftmals steckt hinter Kontrolle ein Bindungstrauma, welches der Mensch selbst erlebt hat oder aus der Ahnenlinie stammt. In einer Begleitung können wir z.B. herausfinden, verstehen und verändern, was hier konkret wirkt.
3. Co-Regulation der eltern:
Der Frust darf in jedem Fall vom Umfeld gut begleitet werden, es geht um Co-Regulation. Das Kind reguliert seine emotionale Lage durch die Präsenz des Erwachsenen.
Solche Sätze / Dinge helfen dem Kind dabei eher nicht...
„Das war doch nur ein Spiel. Nächstes Mal gewinnst Du bestimmt.“
„So schlimm ist das nun auch nicht.“
"War ja nur eine Mathe-Arbeit."
Ablenkung vom Gefühl (TV, Medien)
Das Kind gewinnen lassen aus Angst vor seinen Emotionalen Ausbrüchen
Diese Sätze / Dinge können Deinem Kind stattdessen helfen...
„Du bist jetzt richtig wütend, weil Du so gern gewonnen hättest…“
„Du hast dich so richtig angestrengt, um zu gewinnen. Ich hab das gesehen.“
„Wo sitzt Dein Ärger? (Im Bauch…?) Lass ihn mal so richtig raus.“
"Brauchst du vielleicht eine Umarmung?"
Stampfen, Schreien und aufs Kissen hauen
Das Kind nicht allein lassen, auch wenn es vor lauter Ärger nicht mit dir reden kann. Den Raum für das Kind und seine Emotion halten.
Das Kind sanft berühren oder umarmen, wenn es das zulässt.
Das Gefühl von Versagen und Frustration kann ein Hinweis darauf sein, dass ein nicht verarbeitetes Erlebnis im Kind gespeichert ist (wie ein altes Bewältigungsprogramm). Eine energetische Begleitung kann das eingeschlossene Gefühl von Versagen am Ursprung (z.B. in der frühen Kindheit) lösen und das Erlebte in Frieden bzw Neutralität bringen.
4. Hohe Erwartungen und Projektionen der Eltern
Auch zu hohe Erwartungen und Ansprüche können erforscht werden: Woher stammen sie? Wessen Ansprüche sind das?
Erwartungen der Eltern sind Projektionen, die als Manipulation das Feld und die Entwicklung des Kindes behindern. Wenn Eltern lernen, Projektionen und Erwartungen loszulassen (die oft eine Folge des Kontrollbedürfnisses sind), kann das Kind wieder freier atmen und sich bewegen. Auch die Energie kann dann wieder schwingen, so dass Entwicklung und innere Weite wieder möglich wird.
5. Beschämung und Schuld
Sehr oft wird - manchmal auch unbewusst - mit Beschämung erzogen. Fehler sind dabei indirekt aber unweigerlich mit Schuld und Scham verbunden, das sind Emotionen, die sehr niedrig schwingen und uns energetisch "niederdrücken" (De-pression). Wer als Elternteil selbst diese Beschämung im Elternhaus erlebt hat, hat möglicherweise mehr Probleme damit, das Verlieren oder Versagen des eigenen Kindes auszuhalten, denn schon beim Zuschauen kommt dieses alte Gefühl der Scham wieder hoch. Das Erleben des Kindes führt damit zum Reaktivieren des eigenen Bindungstraumas. Ich ermutige daher alle Eltern, sich zunächst einmal mit ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen auseinanderzusetzen, bevor sie überlegen, wie sie auf ihr Kind reagieren.
Kinder nehmen wahr, ob wir integer und stabil mit der Situation umgehen können, ob wir tatsächlich souverän den Raum halten können für ihre Gefühle oder ob wir gerade selbst innerlich ertrinken und uns hilflos fühlen.
Versagen kommt von "firsagen"
Auch total interessant ist die Wortherkunft des Begriffs "Versagen". Er stammt vom althochdeutschen Wort "firsagen" oder "farsagen" ab, was soviel bedeutet wie
verweigern
leugnen
nicht anerkennen
Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde der Begriff im Sinne von "Scheitern" benutzt.
Für mich als Energetikerin lese ich aus dem ursprünglichen Begriff etwas anderes heraus. Vielleicht ist es nämlich das Verweigern und Nicht-anerkennen der eigenen Grösse, des Potenzials und des Lebensflusses, das genau dieses Versagen bedeutet und am Ende herbeiführt.
Indem wir kontrollieren, schneiden wir uns vom Lebensfluss und von unserem Potenzial ab. Darin steckt ein Paradoxon:
Wir wollen kontrollieren, um Erfolg zu haben. Tatsächlich verhindert genau diese Kontrolle oft den Erfolg.
Übungen zur emotionalen Beruhigung und Regulation
Was kann dein Kind oder dich selbst unterstützen, wenn du Versagen fühlst und dadurch aufgewühlt bist? Was beruhigt und was kann eben diese Verbindung zum eigenen Potenzial und Lebensfluss wieder herstellen?
Hier eine kleine Auswahl aus meinem herz:kompass-Werkzeugkoffer:
WASSERFALL:
Sich innerlich unter diesen Wasserfall stellen, die Füße spüren und alles, was du gerade fühlst, über die Füße mit dem Wasserfall abfließen lassen.
ADLERPERSPEKTIVE:
In Gedanken hoch in die Luft fliegen und Abstand einnehmen. Die ganze Situation mal von oben betrachten. Wie wichtig ist das jetzt noch? Eine Adlerreise für Kinder findest du auch auf meinem Kinderalbum: https://open.spotify.com/intl-de/track/2xJCRyAZ3fzo2BNHe9cibU?si=c92578bf89dd45e6
THYMUSDRÜSE KLOPFEN
Schliesse die Augen. Klopfe sanft auf deine Brustmitte mit den Fingerspitzen und sage dabei den Satz „Ich bin in Sicherheit. Ich bin okay.“ (vor allem wenn es um das Thema Kontrolle geht).
HERZATMUNG:
Schliesse die Augen. Lege die Hände auf die Brustmitte, atme langsam in deinen Herzraum / Brustmitte ein und doppelt so lange aus. Stelle dir diesen Herzraum als Raum vor, in dem du dich ganz geborgen fühlst, in dem dich keiner stören, bewerten oder verurteilen kann. Hier bist du vollkommen sicher. Hier kannst du du selbst sein.
SEIFENBLASENATMUNG:
Schliesse die Augen. Atme mit der Ausatmung alle Bewertungen und Erwartungen, die du von anderen auf dir lasten spürst, in eine grosse Seifenblase aus. Wenn sie voll ist, lass sie ins Universum schweben. Mache dir klar, diese Gedanken und Bewertungen gehören nicht zu dir.
Auch diese Atmung findest du auf meinem Kinderalbum: https://open.spotify.com/intl-de/track/1BT9SBNpqTSoTKFy3Si7UV?si=08a361a6829c4c9e
Die Übungen können gerne auch miteinander kombiniert werden.
Übungen zur mentalen Regulation
Erstellt eine Mindmap: in den ersten grossen Kreis schreibt alles hinein, was nicht kontrollierbar oder veränderbar ist. In den zweiten grossen Kreis schreibt hinein, worauf das Kind Einfluss nehmen kann (Gedanken, Perspektive, Vertrauen etc.)
Wofür könnte der Fehler, das Scheitern gut gewesen sein? Was kann jeder einzelne Beteiligte daraus lernen? Betrachtet Fehler als HELFER. So wird das Erlebte zu etwas Sinnhaftem und kann dadurch besser verarbeitet werden.
Verändert im Nachhinein die Situation so, wie es dem Wunsch entspricht. Welches Bedürfnis wird dabei erfüllt? Lasst dieses Bedürfnis ins Herz und von dort aus in den ganzen Körper fliessen, bis dein Kind es überall spürt.
Vielleicht kann ein jugendliches Kind sogar schon verstehen, dass der gleiche Fehler immer wieder passiert, bis es gelernt hat, damit anders umzugehen. Wir ziehen also laut Resonanzprinzip auch genau die Situationen in unser Leben, die wir brauchen um etwas zu lernen.
Auch Hilfe kann übergriffig oder kontrollierend sein
Bitte fühlt als Eltern auch immer rein: Habe ich wirklich einen Auftrag zu helfen?
1. Bittet mich mein Kind/Teenager um Hilfe? Manches gehört auch zu ihrer Erfahrung dazu und sie dürfen selbst Lösungen finden. Die Frage dabei ist: kann ich das als Elternteil akzeptieren und aushalten?
2. Kann ich selbst neutral und undramatisch bleiben wenn das Kind im Drama hängt? Das ist der erste Schritt, wo ich ansetze: die eigene Stabilität halten lernen, dann erst helfen. Das ist quasi wie im Flugzeug mit den Sauerstoffmasken ;-) Denn ganz oft helfen wir, weil wir selbst diese Traurigkeit in uns nicht aushalten.
3. Kann ich selbst mit Scheitern, Fehlern und Versagen umgehen? Kann ich annehmen, dass es zum Leben dazugehört? Spreche ich liebevoll oder verurteilend mit mir, wenn mir ein Fehler passiert? Deine Vorbildrolle als ErwachseneR ist sooooo wichtig und wertvoll für dein Kind.
Es ist also ein inspirierendes Lernfeld, in welchem für jeden von uns ganz viel Erkenntnis und Entwicklungspotenzial liegt. Schau Dir deshalb unbedingt erst einmal Deinen eigenen Umgang mit Fehlern an, bevor du anfängst deinem Kind etwas über “Richtiges Verlieren“ zu erzählen ;-)
Hier noch einige Gedanken zur Reflexion für dich als Elternteil:
warum ist Gewinnen oder Erfolg haben für dich wichtig?
welches Bedürfnis wird dadurch erfüllt?
welche Menschen haben deine Glaubenssätze geprägt?
wie heißen diese Glaubenssätze?
wie wurde früher in deinem Elternhaus reagiert, wenn du etwas falsch gemacht hast?
welche Instanz in dir erlaubt keine Fehler?
was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn du die Kontrolle loslässt und dich dem Leben hingibst?
welche wertvollen Lektionen liegen für dich im Scheitern verborgen?
welche Bewertungen über Versagen und Kontrolle könntest du ablegen, um zu wachsen?
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