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Blog für Eltern

Die Scham vor der Scham - vom Schutzprogramm zurück in Verbindung

Kennst du das: Ein Satz, ein Blick, eine Situation im Alltag — und schon kippt alles in Schuld und Scham? Wenn das Kind sich „daneben benimmt“ oder du dich in einem Gespräch "ertappt“ fühlst, startet oft ein alter Schamkreislauf. In diesem Artikel zeige ich dir, wie Scham wirkt, warum dieses Gefühl so heftig und gleichzeitig so tabuisiert ist und wie du alte Schutzprogramme unterbrechen kannst, um zurück in Entwicklung und Verbindung zu kommen. Denn eines ist auch klar: Scham macht uns menschlich.

BINDUNGELTERN-KIND-BEZIEHUNGSCHULD UND SCHAM

Johanna Geiger

8/27/2026

Kennst du das? Ein kleiner Fehler passiert – wirklich nichts Tragisches – und doch wird man direkt darauf angesprochen. In dem Moment ist nicht nur die Situation da – sondern sofort taucht diese ur-alte megastarke Emotion auf. Ein innerer „Hot flush“, eine Übelkeit im Magen, ein Vibrieren im ganzen Körper, wie eine Welle, die dich überflutet. Es ist ein Zurückspringen in die eigene Kindheit – und die plötzliche Gewissheit, dass man im richtigen Moment nicht perfekt genug war, sondern versagt hat.

So ähnlich ging es mir kürzlich in einer Begegnung. Der Anlass war eher harmlos. Und doch spürte der Körper sehr deutlich, wie schnell sich ein uraltes Thema aktivieren kann: Schuld – und vor allem Scham. Erstaunlich war nicht der Inhalt des Ereignisses, sondern die Intensität der inneren Reaktion. Offenbar ging es nicht primär um den konkreten Fehler, sondern um etwas Tieferes, das darunter liegt. Dass Scham eine Ur-Angst in mir reaktiviert hat: die Angst abgelehnt zu werden, die Angst abgewertet/verurteil zu werden und nicht zu genügen.

Ich hätte drübergehen können über diese Situation, aber ich nahm sie zum Anlass, mir diesen Scham- und Angstkreislauf genauer anzuschauen, um noch tiefer in Heilung zu gehen. Ich möchte meine Erkenntnisse mit dir hier teilen.

Was liegt unter der Scham?

Ich schaute mir an: Was liegt unter dieser Scham – und wozu dient sie?

Und ich bemerkte, dass die Vermeidung von Scham zu frühkindlichen Strategien geführt hat. Viele davon wirken so vertraut, dass sie fast automatisch ablaufen: Flunkern („Ich war’s nicht“), Weglaufen aus peinlichen Momenten, Totschweigen, Wegsehen oder das schnelle Wechseln des Themas. Diese Muster sind nicht einfach „Charakterschwächen“, sondern Schutzmechanismen. In der Kindheit wurde Zugehörigkeit und Verbundenheit oft über angepasstes Verhalten geregelt.

Systeme und Familien nutzen Beschämung, um Anpassung zu erzwingen. Sie drohen dir damit indirekt mit Austoss aus der Gemeinschaft. Und das ist für ein Kind und auch für Menschen die grösste Gefahr, die im Nervensystem mit einem Alarm verknüpft wird. Es sagt dir: hier bist du nicht mehr sicher, nicht mehr geduldet, nicht mehr angenommen. Und das wollen wir um jeden Preis verhindern.

Verurteilen wir uns also nicht für diese Überlebensstrategien. Sie dürfen erst einmal als sinnhaft gewürdigt werden.

Die Scham vor der Scham

Ein paradoxer Effekt fällt oft erst beim genauen Hinsehen auf: Es geht nicht nur darum, die Scham auszuhalten und sie anzuschauen – sondern ich fand darunter auch die Scham, dass ich mich schämte (denn jeder wäre ja gerne soweit, dass er dieses Gefühle "im Griff" hat).

Der zentrale Punkt ist also: ich schäme mich dafür, dass ich mich schäme. Und ich habe Angst, dass mir jemand diese Scham ansieht. Scham ist also der „Elefant im Raum“, der nicht benannt werden darf, um den Selbstwert nicht zu gefährden.

Daher wird häufig alles getan, um den Kreislauf unsichtbar zu halten – und damit wird Scham in unserer Gesellschaft systematisch unterdrückt und verdrängt. Es wird über viele Gefühle gesprochen, aber nicht über die Scham.

Warum fühlt sich Scham so bedrohlich an?

Warum fühlt sich das so existenziell an?
Dahinter steckt zunächst eine alte Annahme: Betroffenheit bedeutet Machtlosigkeit – und diese vermeintliche Schwäche macht uns angreifbar, unattraktiv, kann sogar sozialen Ausschluss bedeuten. Genau hier treffen gesellschaftliche Normen auf frühe Erfahrungen. Verletzlichkeit wirkt dann nicht wie etwas Menschliches, sondern wie etwas, das man verstecken muss. Und historisch wurden solche Dynamiken bei verschiedenen Gruppen systematisch verstärkt (z. B. durch kulturelle und religiöse Erziehungsmuster).

Und körperlich bedeutet Scham einen Kontrollverlust. Wenn dein Nervensystem im Voll-Alarm ist und dein ganzes Körpersystem rebelliert, ist Handlungsfähigkeit oft nicht mehr möglich. Das fühlt sich sehr bedrohlich an.

Scham als Bedürfnis nach Souveränität

Damit wird Scham zu etwas, das uns erkennen lässt: hier habe ich gerade meinen machtvollen Kern, mein Urpotenzial, mein Licht verlassen. Denn Scham lässt uns ganz deutlich das Bedürfnis nach Souveränität und echter Verbundenheit und Mitgefühl vermissen.

Das ist gleichzeitig ein Schmerz aus der Kindheit und gleichzeitig ein Schlüssel zur Heilung und Integration. Denn es geht um eine Neubewertung:

Betroffenheit & Verletzlichkeit darf sein und gezeigt werden

In der Kindheit war es nicht sicher, deinen Schmerz zu zeigen. Doch heute, als Erwachsener, kannst du lernen verletzlich UND GLEICHZEITIG in deiner Kraft und Souveränität zu sein!

Wenn Verletzlichkeit als natürlicher Teil des Mensch-Seins verstanden wird – nicht als Beweis für Schwäche – verliert Scham an Macht. Der Kreislauf wird brüchiger, weil die alte Regel nicht mehr automatisch gilt: „Wenn ich betroffen bin, werde ich ausgeschlossen.“ Stattdessen entsteht ein neuer Blick: „Betroffenheit darf sein – und sie muss nicht sofort in Selbstangriff oder Rückzug führen.“

Praktisch bedeutet das für unsere Weiterentwicklung: Scham muss nicht bekämpft, sondern sie darf integriert werden.

Strategien erkennen: Flucht, Schweigen, Verdrängung

Ein wichtiger Schritt ist, die eigenen Muster sichtbar zu machen. Wie reagier ich, um den Kreislauf zu stoppen oder die Scham zu vermeiden? Flucht, Schweigen, Ablenkung, Angriff, Schuldprojektion auf mein Gegenüber? Sobald diese Strategien erkannt werden, entsteht Abstand – und Abstand ist oft der Beginn von Veränderung. Durch das Erkennen kann ich aus diesen alten Vermeidungsstrategien aussteigen und ein neues Verhalten wählen: eines, das mir erlaubt, meine innere Essenz nicht zu verlassen. Das mir erlaubt, mich um mein wahres Bedürfnis nach Souveränität oder Verbundenheit zu kümmern und mein inneres Kind dabei liebevoll an die Hand zu nehmen.

Das Nervensystem mitnehmen

Scham läuft nicht nur kognitiv ab, sondern somatisch: es aktiviert sowohl den Sympathikus (Flucht/Kampf) als auch den Dorsalen Vagus (Shutdown/Rückzug). Das fühlt sich körperlich sehr unangenehm an udn bringt uns in eine innere Starre und Handlungsunfähigkeit.

Häufig helfen ganz konkrete Körperimpulse: atmen, erden, klopfen, sanfte Bewegung, somatische Übungen. Entscheidend ist der neue Sicherheitsimpuls: dem Körper immer wieder zu signalisieren, dass diese heutige Situation nicht mehr so bedrohlich und existenziell ist wie früher als Kind. So wird der Alarm immer seltener „dominant“ und dein Nervensystem umprogrammiert.

Die Scham vor der Scham lösen

Ein Wendepunkt ist, Scham beim Namen zu nennen – innerlich, klar und integer. Nicht als Drama, sondern als Wahrheit: „Da ist Scham. Das ist mein altes Schutzprogramm.“ Sobald Scham benannt werden kann, verliert sie oft ihre unkontrollierte Macht. Der Elefant muss nicht mehr im Schatten bleiben.

Das Ahnenfeld mitbetrachten

Bei meiner inneren Reise zur Scham wurde mir auch bewusst, dass viele Scham-Momente erlernt und viele Scham-Gefühle übernommen sind. Sie werden weitergetragen von Ahnen und Eltern zu dir. Und als Kind hinterfragst du diese Momente nicht. Aber sie wirken tief. Und wir dürfen uns bewusst davon wieder distanzieren und erkennen: das bin nicht ich. Diese Scham gehört zu meiner Mutter oder zu meinem Grossvater. Wir dürfen diese Anteile in Liebe und Neutralität zurückgeben.

Fazit: Fehler passieren – Umgang kann heilsamer werden

Fehler passieren. Peinliche Momente passieren. Gefühle entstehen. Und dennoch kann der Umgang damit anders werden als früher: nicht perfekt, nicht maskiert – sondern menschlich und sichtbar.

Die nächste Schamwelle kommt vermutlich wieder. Doch die Frage ist, ob das System dann automatisch wegläuft oder ob Raum entsteht für einen neuen Satz im Inneren: „Ah, da bist du wieder. Du willst mich schützen. Heute zeige ich mich trotzdem.“

Der Weg in die Integration und Heilung

Ich arbeite mit Kund:innen auf unterschiedlichen Ebenen, um Scham und Beschämung zu transformieren. In der Praxis arbeiten alle diese Ebenen zeitgleich zusammen, doch ich werde sie hier zum besseren Verständnis einmal aufdröseln:

  1. Energetisch: Ich kann die Scham für mich energetisch klären, was bedeutet, dass ich sie frei mache von den Altlasten meiner Ahnenlinien und von der kollektiven Scham. Das stelle ich mir so vor, dass ich die Scham, die nicht zu mir gehört, in eine Seifenblase ausatme und diese dann in Gedanken in die Vergangenheit zu den Ahnen schweben lasse. Ich spreche dann auch mit ihnen und ermutige sie, sich ebenfalls von dieser Last zu befreien.

  2. Emotional: Ich kann lernen, meine Gefühle und Empfindungen durchfliessen zu lassen und zu verstehen, dass sie eine alte Reaktion aus meinem kindlichen Ich sind. Indem ich lerne, mich um dieses Kind-Ich zu kümmern und liebevoll damit zu sein, entsteht eine Neutralität und ein Abstand, der eine Neu-Beurteilung der Situation zulässt und der mich wieder in die Souveränität bringt.

  3. Mental: Ich kann mich dafür entscheiden, der Betroffenheit in Zukunft eine neue Bewertung und Bedeutung zu geben. Ich selbst entscheide, ob ich sie mit Ohnmacht oder mit Menschlichkeit assoziiere. Und ich kann die Scham vor der Scham lösen - und zwar, indem ich den Elefanten beim Namen nenne – laut, klar und integer, vor mir selbst zunächst, aber auch vor anderen.

  4. Nervensystemregulierend: Ich kann außerdem meinem Nervensystem helfen, solch starke Gefühlsalarme zu verarbeiten und die Scham in Zukunft anders einzuordnen. Indem ich z.B. klopfe, atme, somatisches Yoga in meinen Alltag einbaue, gebe ich ihm immer wieder bewusst den Impuls: Du bist in Sicherheit. (Ich spreche diesen Satz dann auch 3x laut oder in Gedanken aus).

Weitere Fragen fürs Eltern-Coaching

Kannst du es aushalten, wenn andere über ihre Scham sprechen?
Ganz oft setzt auch hier ein Mechanismus ein, den wir als "fremdschämen" bezeichnen.

Wer selbst seine Scham nicht zeigen kann und sie als einen Schatten von sich abtrennt, kann auch die Betroffenheit anderer nicht halten. Und das ist auch oft eine Blockade in Eltern-Kind-Beziehungen. Dann fangen Eltern an, ihr Kind zu beeinflussen, damit es sich konform verhält, damit sie sich auf keinen Fall für das Verhalten des Kindes schämen müssen.

Da ist die Scham, überhaupt einen Fehler in der Erziehung zu machen. Die Scham meldet sich, wenn das Kind sich „danebenbenimmt“, Grenzen überschreitet, wütend wird oder nicht „konform“ ist. Dann kippt das Erleben schnell in die Frage: „Bin ich eine gute Mutter / ein guter Vater?“ oder „Was stimmt nicht mit mir?“

Wenn Eltern also ein "Problem" mit dem Verhalten ihres Kindes haben, dann müssen wir im Coaching genauer hinschauen: fühlen die Eltern Mitgefühl, sind sie hilflos gegenüber dem Kind oder geht es auf tieferer Ebene um die eigene Scham als Eltern, gegen die sie in Widerstand gehen?

Oft ist die innere Logik nicht: „Da ist gerade ein schwieriger Moment.“ Sondern: „Jetzt sieht man, dass ich versage.“ Sobald das passiert, werden alte Bewertungen reaktiviert – und statt Beziehung und Bindung steht die Leistung, Kontrolle und Selbstverurteilung plötzlich im Vordergrund - und damit im Weg der eigenen Entwicklung und Heilung.

"Die tiefere Bedeutung von Scham ist die Suche nach Verbindung, Verständnis und Empathie - und wenn wir das finden, können wir heilen" (Lovemoves)

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