Vermeidungstaktiken in der Beziehung - und wie du in die Veränderung kommst
4 Vermeidungstaktiken in der Kommunikation, die deinen Selbstwert schützen. So wird Nähe und Intimität vermieden. Indem du deinen Kern, dein wahres Gesicht niemals zeigst, vermeidest du, dass jemand dich verletzen kann. Doch die Opfer dieser Taktiken sind gross und sie führen zu vielen Beziehungsproblemen, die vermeidbar wären, würden wir ehrlich kommunizieren.
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8/7/2026
Ich habe sie vor kurzem mal wieder ausgegraben: die Kommunikationsstrategien nach Virginia Satir, eine der großen Pionierinnen der Familientherapie. Sie hat vier Kommunikationsmuster beschrieben, in die wir unter Stress verfallen.
Doch hier geht es nicht um irgendeinen Stress: genau genommen geht es um die Bedrohung des Selbstwerts.
Wer in der frühkindlichen Phase keine ausreichende Sicherheit und Bestätigung seines Selbst erlebt hat, kommt in eine Stress-Spirale. Das Nervensystem scannt unentwegt, wo wieder Gefahr lauert. Unbewusst checkt dein Inneres also immer wieder:
Wo könnte ich Gefahr laufen, mich lächerlich zu machen?
Wo könnte ich anecken?
Wo könnte ich Ablehnung erfahren?
Wo könnte ich Nähe zulassen, die dann wieder verletzt wird?
Wo könnte ich zuviel über mich preisgeben, was später gegen mich verwendet wird?
Wer sich authentisch offenbart bietet anderen eine Angriffsfläche. Wer ehrlich seine Meinung sagt, wird vielleicht ebenfalls angegriffen oder ausgeschlossen. Wer sich abgrenzt, erfährt Verletzung, Schuldprojektion durch den anderen.
Da Menschen in der Regel keinen Umgang mit diesen Gefühlen lernen, sondern auf Anpassung und Zugehörigkeit sozialisiert sind, kommt es zu inneren Konflikten. Ich habe sie bereits HIER beschrieben.
Wir tun und sagen also oft etwas anderes, als wir tief in uns fühlen!
Man könnte auch sagen: die Worte sind nur die Spitze des Eisbergs. Darunter brodeln ganz andere Gefühle, unerfüllte Bedürfnisse, Angst vor Verletzung...
Und so entsteht eine Kommunikation, die Virginia Satir eine "inkongruente" Kommunikation nennt.
Inkongruente Kommunikationsmuster
"Kongruenz" ist die Deckungsgleichheit. Inkongruenz bedeutet also, dass Sprache/Worte, Mimik, Gestik, Gefühle, Körperausdruck nicht übereinstimmen. Das Gegenüber nimmt das nur sehr subtil wahr und dennoch ist es spürbar:
"Etwas stimmt hier nicht".
Ein Mensch, der also in einem trotzigen Tonfall sagt: "Ich brauch dich überhaupt nicht." möchte tief drinnen eigentlich das Gegenteil sagen. In Wahrheit fühlt er eine emotionale Abhängigkeit. Aus Angst vor erneuter Verletzung und Ablehnung seines Selbst sagt er diese Worte, um den anderen schon im Vorfeld auf Abstand zu halten.
Das ist ein Beispiel von Inkongruenz.
Die 4 Vermeidungstaktiken nach Satir
Virginia Satir hat 4 Vermeidungstaktiken beschrieben, die alle denselben Zweck verfolgen: Den Selbstwert zu schützen, bzw. die Verletzung des Selbst zu vermeiden.
1. Beschwichtigen – die Opfer-Rolle
„Ist schon okay.“ – „Es war alles meine Schuld.“ – „Du kannst sagen, was du machen willst. Ich passe mich an.“
Wenn du beschwichtigst, stellst du deine eigenen Bedürfnisse konsequent hinten an. Du lässt immer andere die Entscheidung treffen, so verhinderst du, dass nachher jemand unzufrieden ist. Du machst Komplimente, um den anderen für dich zu gewinnen. Du sagst Ja, obwohl in dir ein Nein schwingt. Du redest anderen nach dem Mund und verschweigst deine Meinung, um dazuzugehören, den anderen nicht zu verärgern, ihm zu gefallen. Der Preis: Du verschwindest in den Bedürfnissen anderer. Du ordnest dich unter. Und irgendwann fragst du dich, warum keiner sieht, was du eigentlich brauchst.
Die Folge ist: Du gehst nie in Führung, verlierst deinen eigenen Stand und Raum. Du wirst unsichtbar – und irgendwann bitter. Weil keiner dich wahrnimmt und viele deine Grenzen überschreiten: weil sie einfach spüren, dass du das zulässt.
2. Anklagen – die Täter-Rolle
„Nie machst du, was ich sage!“ – „Das ist ja mal wieder typisch.“ – „Immer muss ich an alles denken!“
Beim Anklagen gehst du in den Angriff und die Kritik. Der Finger zeigt nach außen, die Stimme wird laut, der Blick hart. Du fühlst dich im Recht – und gleichzeitig unglaublich allein. Denn unter der Wut sitzt meist etwas viel Verletzlicheres: das Gefühl, nicht gesehen, nicht gehört, nicht wichtig zu sein - und die Kontrolle zu verlieren!
Die Folge davon: Du dominierst den Raum. Du kontrollierst und kritisierst die Menschen um dich herum – kreierst Abhängigkeiten, doch die Verbindung leidet. Oft führen diese Beziehungen am Ende in Trennung.
3. Rationalisieren – die Retter-Rolle
„Wenn wir das mal sachlich analysieren …“ – „Ich erklär’s dir jetzt einfach nochmal.“ – „Du musst verstehen, dass …“
Hier flüchtest du dich in den Kopf. Keine Gefühle, bitte. Dafür jede Menge Worte, Erklärungen und ungefragte Lösungen. Du wirkst souverän, vielleicht überlegen, hast zu allem einen Tipp und kluges Wissen parat – aber in Wahrheit schützt du dich vor Nähe. Denn solange du erklärst, musst du nicht fühlen.
Das ist die Retter-Position. Der unausgesprochene Glaubenssatz: „Ich weiß, wie’s geht – du nicht.“
Die Folge davon: Du stellst dich über andere – und bleibst emotional unerreichbar. Keiner blickt hinter deine perfekte Fassade.
4. Ablenken – der Vermeidungskünstler
Dieser Mensch flüchtet vor allem: er kann sich genauso mit Putzen oder Arbeiten vor dem wirklich Wichtigen ablenken, wie er immer eine Ausrede hat, warum er sich nicht um seine Entwicklung / seine Fitness etc. kümmern kann und er hat auch immer einen Spruch parat, der im passenden Moment das Gespräch auf etwas Belangloses umschwenkt, damit der Konflikte nie geklärt wird und das Thema nie tiefer geht. Fachsimpeln, Witze machen, übers Wetter reden und lästern – all das dient dazu, das Gegenüber von sich selbst und einem tieferen Gespräch abzulenken. Immer schön an der Oberfläche bleiben, damit keiner den unteren Teil des Eisbergs sieht. Dabei wirkst du oft charmant und souverän. Doch unter der Eisbergspitze sieht es anders aus: da liegt eine grosse Einsamkeit, Unzulänglichkeit und Anspannung.
Im Drama-Dreieck springst du hier in Sekundenschnelle zwischen Opfer, Täter und Retter hin und her.
Die Folge: Nichts löst sich jemals wirklich auf. Die Themen bleiben unter dem Teppich – bis sie das nächste Mal hochploppen, nur diesmal lauter.
Auch im Coachingkontext sind diese Muster zu beobachten
Diese Muster der Vermeidung sind stark internalisiert, sie werden als solche oft gar nicht mehr wahrgenommen. Doch auch im Coaching-Kontext müssen sie aufgedeckt werden, weil sie grosse Verhinderer für die eigene Entwicklung sind.
1. Der Beschwichtiger wird im Coaching alles schönreden. "Ach so schlimm ist es gar nicht." "Das kriegen wir schon hin." Oder er leidet still unter seinen vielen Verpflichtungen, aber meint eben, das tun zu MÜSSEN: "wer tut es sonst? Ich muss doch einfach schauen, dass es meinem Kind gut geht!" Er fühlt sich in seiner Familie für alle verantwortlich, nimmt jedem sein Päckchen ab. Und kann doch den eigenen Schmerz nie aussprechen. Dieser ist tief vergraben und oft kommt man erst nach einigen Sitzungen an diesen alten Schmerz ran.
2. Der Ankläger kommt mit der Vorstellung ins Coaching, dass "der/die andere" sich ändern müsste: das Kind, der Partner, die Mutter... es gibt eine klare Richtung, in der die Schuld sitzt. Vorschläge für eigene Verhaltens- oder Mindsetänderungen können erst einmal nur sehr vorsichtig formuliert werden. Manche brechen die Begleitung ab, weil sie es gar nicht aushalten, sich mit sich zu beschäftigen. Sie kamen ja mit einer klaren Vorstellung ins Coaching: nämlich Tipps zu erhalten, wie sie den anderen ändern können...
3. Der Rationalisierer kommt mit einem grossen Wissen. Er hat schon viele Seminare besucht, Fachbücher gelesen und sich selbst diagnostiziert. Doch wenn wir dann den Körper befragen wollen, kann er kaum Kontakt zu ihm aufbauen. "Ich spüre nichts" ist oft der Standardspruch. Vom Kopf ins Herz zu kommen, vom Denken ins Fühlen,...das ist die grösste Herausforderung bei dieser Vermeidungstaktik. Und dennoch ist es unerlässlich, weil sonst keine Transformation stattfindet. All die Weisheiten, die dieser Mensch gelesen und gehört hat, können sonst keine Ebene tiefer rutschen. Das Gehörte bleibt an der Oberfläche anstatt wirklich zu berühren.
4. Der Vermeider kommt meistens erst gar nicht in die Begleitung. Und wenn doch, erlebe ich oft, dass erstmal sehr viel erzählt werden möchte. Da werden Geschichten und Anekdoten ausgepackt und es fallen oft auch ironische oder sarkastische Bemerkungen. Für Hausaufgaben fehlt immer die Zeit, weil man soviel anderes zu tun hatte. Ablenkung ist die beste Taktik, um nie das zu tun, was eigentlich dran wäre. Um nie zum Kern und zum roten Faden zu kommen. Manche Menschen machen regelrechtes Therapeutenhopping: immer dann, wenn man den roten Faden, der zur Kernwunde führen würde, in die Hand bekommt, sind sie wieder weg und suchen sich dann den nächsten Coach oder Therapeuten, der wieder bei Null mit der Suche beginnt. So bekommen diese Menschen oberflächliche Aufmerksamkeit und Nähe, vermeiden aber Intimität und Berührung.
Diese Muster sind dir aus deiner Kindheit vertraut
Ich denke nicht, dass wir völlig frei werden können von diesen Prägungen. Die meisten Menschen haben Elternhäuser erlebt, in denen genau diese Taktiken vorgelebt werden. Oft in einer nahezu perfekten Kombination: ein Elternteil geht ins Beschwichtigen und Ablenken, der andere ins Anklagen und/oder Rationalisieren. So ergänzen sich deine Eltern in einem Team, das die Täter-Opfer-Strukturen in sich selbst aufrecht erhält und reproduziert.
Und du standst als Kind mitten in diesem Drama-Dreieck von Täter, Opfer, Retter.
Keiner hat dir beigebracht oder vorgelebt, wie echte kongruente einfühlsame oder konstruktive Kommunikation aussehen könnte. Das Tragische daran ist einfach: wenn wir uns dieser Muster nicht bewusst werden, leben wir sie auch wieder unseren Kindern vor. Und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich in eines dieser Muster rutsche.
Das eigene Verhalten und die Kommunikation kann sich dann verändern, wenn wir bereit sind, diese Muster ehrlich zu erkennen und selbstverantwortlich in die Klärung und Heilung unserer Bindungsthemen einzutauchen.
Der Preis dieser Strategien
Das Opfer, das wir in diesen Vermeidungstaktiken bringen müssen ist gross: echte Nähe und Intimität, Vertrautheit und Verständnis werden verhindert. Viele Beziehungsprobleme entstehen sogar einzig und allein durch diese Strategien! Wir sprechen hier auch von toxischen Beziehungen. Toxisch bedeutet ungesund: die Freiheit und Entwicklung des Einzelnen wird untergraben. Die Beziehung ist häufig auf Abhängigkeiten aufgebaut, die jedoch nie ausgesprochen und angeschaut werden.
Sehr oft wählt der Beschwichtiger als Partner:in jemanden, der das Anklagen als Strategie hat. Das passt wie Topf auf Deckel, nur leider nicht im positiven Sinne.
Und wenn sich der Beschwichtiger einen Retter sucht, dann kommt es ebenfalls zu einer Drama-Dynamik: ersterer muss im Opfer bleiben, damit zweiter den Helden spielen kann. So bleiben beide in ihrer Rolle und Strategie gefangen, wenn einer sich dort raus "entwickelt", geht der andere oft erst einmal in grossen Widerstand, denn er kann dann seine Abhängigkeitsmuster nicht weiter bedienen. Wo z.B. einer die Schuld nicht mehr nimmt, läuft der "Täter" mit seiner Kritik ins Leere.
Das Gute daran ist: es zwingt auch dein Gegenüber in neue Bewegung und Veränderung, wenn du dich bewegst.
Ich habe es aus eigener Erfahrung erlebt: meine Beziehung verbesserte sich sehr, als ich anfing, diese Muster auf meiner Seite zu erkennen und zu verändern. Nicht mehr ins Beschwichtigen zu gehen, sondern meinen Raum zu halten und für MEINE Bedürfnisse einzustehen, hat eine neue Qualität und Freiheit in mein Leben gebracht.
Der Weg zur gesunden Kommunikation
Satir hat diese vier Muster also nicht beschrieben, damit wir uns schlecht fühlen. Sondern damit wir uns erkennen und damit jeder Mensch die Chance hat, mehr Echtheit und Verständnis in seine Familie zu bringen. Es ging ihr darum, die Dynamiken sichtbar zu machen, um sie dann zu durchbrechen. Denn in dem Moment, in dem du merkst: „Ah, ich bin gerade im Beschwichtigen / Anklagen / Rationalisieren / Ablenken“, hast du bereits einen Spalt geöffnet. Einen Spalt, durch den etwas Neues kommen kann.
Die Heilung passiert immer durch den Blick auf die eigenen Verantwortlichkeiten und den eigenen Raum: wo nehme ich meinen Raum NICHT ein (d.h. wo stehe ich nicht für meine Gefühle und Bedürfnisse ein)? Wo verletze ich meine Grenzen und lasse andere darübertreten? Und wo bin ich aktiv in der Verletzung der Grenze anderer, gehe also zu weit aus meinem Raum heraus, mische mich in Dinge ein, für die ich nicht verantwortlich bin?
Die Lösung für das "Opfer" liegt in der Frage: "Was will ICH und wie kann ich mich dafür einsetzen?"
Die Lösung für den "Täter" liegt in der Frage: "Welchen eigenen Anteil habe ich an diesem Konflikt?"
Die Lösung für den "Retter" liegt in der Frage: "Wovon lenke ich bei mir selbst ab, wenn ich nur um andere kreise? Welchen Nutzen habe ich davon? Wo beginnt die Grenze meiner Verantwortlichkeiten?"
Die gesunde Art zu kommunizieren nennt Satir die „kongruente Kommunikation“. Das bedeutet: Ich sage, was ich fühle. Ich meine, was ich sage und dieses entspricht meiner inneren Wahrheit. Ich bleibe bei mir – ohne den anderen anzugreifen oder mich selbst zu verleugnen (Wahrhaftigkeit, Integrität). Ich verlasse mich nicht selbst, ich fühle meinen Kern, während ich spreche.
Diese authentische Kommunikation findest du auch in der "Gewaltfreien Kommunikation" nach Marshall Rosenberg. Hier ist es Teil des Prozesses, das eigene Fühlen und den Körper mit in die Kommunikation einzubeziehen.
Wir können alle ein Stück weit gesünder werden. Fast immer beginnt dieser Schritt in unserem Inneren. Lasst uns in unserer Alltagssprache beginnen.
Wenn du dir eine prozessorientierte Begleitung in diesen Themen wünschst, dann ist eltern:kraft das Richtige für dich!
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