Raum halten für unsere Kinder
Was in Konflikten häufig passiert, ist nicht Böswilligkeit. Sondern Automatismus. Wir sind dann total beim anderen – bei dem, was er sagt, macht, auslöst – und verlieren aus den Augen, was in uns passiert oder im Raum zwischen uns: wir erkennen die Dynamik oft nicht. Dann reagieren wir im Affekt, ohne zu merken, wo der Raum ist zwischen Reiz und unmittelbarer Reaktion. Den Raum zu halten gibt uns die Möglichkeit, diesen Moment wieder zu sehen, uns zurückzuholen in die Präsenz. Um Handlungsspielraum zurückzugewinnen. Und das darf und muss geübt werden! Ich gebe dir in diesem Beitrag eine simple aber effektive Übung mit, um dieses Gewahrsein zu kultivieren. Damit aus Re-aktion bewusste klare Aktion werden kann.
KOMMUNIKATIONELTERN-KIND-BEZIEHUNGDYSFUNKTIONALE BEZIEHUNGSMUSTERPRÄSENZ
Johanna Geiger
10/25/2025
Manchmal wünschen wir uns als Eltern nichts mehr, als dass unsere Kinder sich schnell wieder beruhigen. Doch in den Momenten, in denen sie kippen – wenn Wut hochkommt, Frust überläuft oder „gar nichts mehr geht“ – passiert oft das, wovor wir uns innerlich schützen wollen: Wir geraten mit.
In diesem Blogbeitrag möchte ich dir eine einfache, aber sehr wirksame Übung mitgeben – und dahinter eine Haltung, die in herausfordernden Situationen viel verändert: Raum halten.
Die Kerzen-Übung
Setz dich einen Moment lang vor eine Kerze, etwa in einem Abstand von ungefähr zwei Metern. Schau die Flamme an und frage dich dann:
„Wo ist gerade meine Aufmerksamkeit? Wo ist mein Gewahrsein?“
Viele sagen mir daraufhin etwas Ähnliches wie:
„Ich bin ja bei der Kerze – meine Präsenz ist zur Kerze gewandert.“
Das ist völlig normal. Es ist sogar wichtig, es zu merken: Wir sind meist automatisch „weg“ – bei dem, was unseren Blick fesselt.
Schritt 2: Fokus halten – mit einem Anker im Körper
Danach kommt eine zweite Aufgabe:
Schau weiter die Kerze an – und versuche gleichzeitig, deine Aufmerksamkeit bei dir zu behalten.
Nimm dir dafür einen Anker im Körper:
die Sitzbeinhöcker
den Bauchnabel
oder den Herzraum (z. B. eine Hand dort)
Atme dort hinein, bleib dort – und beobachte trotzdem die Flamme.
Was verändert sich im Vergleich zur ersten Übung?
Schritt 3: Präsenz zwischen dir und dem Gegenüber halten
Und dann machen wir es noch konkreter:
Nimm dir dieselbe Situation – Kerze vor dir – und versuche nun, deine Aufmerksamkeit in den Raum zwischen dir und der Kerze zu legen.
Du kannst dabei sogar mit dem Wechsel spielen:
Präsenz ein kleines Stück Richtung Kerze
dann wieder Richtung Körper zurück
Und du spürst vielleicht:
Wo fühlt es sich stimmig an? Was fühlt sich „richtig“ an – gerade für mich?
Was hat das mit Kindern zu tun?
Diese Kerze ist natürlich kein Kind. Aber sie steht symbolisch für das Gegenüber im Alltag: für dein Kind, für deinen Partner, deine Partnerin.
Und Raum halten bedeutet dann: Du kannst wahrnehmen, was gerade in dir passiert – und gleichzeitig bleibt deine Präsenz beim anderen im Raum.
Das klingt erst einmal simpel. Aber wenn wir in Konflikten sind, ist es oft das, was uns fehlt. Weil wir in diesen Momenten häufig „weg“ sind. Weg von uns selbst. Weg von unserem inneren Spüren. Wir sind komplett beim anderen: bei der Lautstärke, bei dem, was gesagt wurde, bei dem, was gerade nicht klappt.
Der Kern des Problems: „Wir sind beim anderen“ – und verpassen uns selbst
Was in Konflikten häufig passiert, ist nicht Böswilligkeit. Sondern Automatismus.
Wir sind total beim anderen – bei dem, was er sagt, macht, auslöst – und verlieren aus den Augen, was in uns passiert.
Dann reagieren wir im Affekt, ohne zu merken, wo die Lücke ist: Denn zwischen dem Reiz und der Reaktion gibt es einen Raum. Ein Stoppschild. Ein Moment, in dem wir neutral werden könnten. Ein Moment, in dem wir beobachten können:
„Ah. Da ist etwas getriggert worden.“
„Da greift ein alter Automatismus.“
„Da fährt meine Mauer hoch.“
„Da will ich eigentlich schreien – oder flüchten.“
Raum halten gibt uns die Möglichkeit, diesen Moment wieder zu sehen. Nicht um uns auszuschimpfen. Sondern um uns zurückzuholen. Um Handlungsspielraum zurückzugewinnen. Und das darf und muss geübt werden! Immer wieder zu fragen:
Wo ist das „Stoppschild“?
Wo könnte ich neutral werden?
Welcher Automatismus/welches innere Programm wird gerade in mir abgespult?
Welcher alte Abwehrmechanismus ist gerade angesprungen?
Wenn wir den Raum halten können (zwischen uns und in uns), bekommen wir genau diese Lücke wieder zurück. Und mit ihr die Chance, auf Meta-Ebene zu schauen, Abstand zu gewinnen, und genau durch diesen Abstand aus der automatischen Reaktion heraus zu finden. Das ist eine Befreiung.
Kommunikation als Raum: Worte in den Zwischenraum legen
Ein weiterer praktischer Tipp aus dieser Haltung:
Wenn du kommunizierst, lege deine Worte nicht ins Gesicht des anderen – sondern in den Raum zwischen euch.
So bittest du um Raum und Freiheit, statt Druck zu erzeugen. Du kannst zum Beispiel klarmachen:
„Ich teile dir meine Wahrheit.“
„Du darfst entscheiden, was davon bei dir ankommt.“
„Du musst nicht alles annehmen."
"Ich bin nicht verantwortlich für deine Reaktion.“
Damit wird auch klarer, wo Verantwortung liegt:
Ich bin verantwortlich für meine Worte und meine Gefühle.
Ich bin nicht verantwortlich dafür, was der andere daraus macht.
Gerade in emotionalen Momenten hilft das immens, Übergriffigkeit zu vermeiden und Verantwortung klar zu halten.
Raum halten bei Wutanfällen: Gefühlen Platz geben – ohne dich zu verlieren
Raum halten bedeutet nicht, gleich zu „fixen“ oder ständig etwas zu tun.
Es bedeutet eher:
dem Kind sein Gefühl zu lassen,
und gleichzeitig die Verantwortung für deine eigene innere Regulation - und für DEINEN RAUM - zu übernehmen.
Gerade bei Wutanfällen oder „schlechter Laune“ kann das so aussehen: Du kannst dem Kind seinen Raum geben – und gleichzeitig bei dir bleiben.
Wenn wir stattdessen aus Mitleid oder Überaktivität heraus handeln, wollen wir oft etwas „wegmachen“ – weil wir unsere eigenen Gefühle nicht aushalten können. Dann wird die Situation häufig sogar schlimmer. Und was hier dann vor allem passiert: aus Mitleid und Überaktivität verlassen wir den EIGENEN RAUM. Wir sind so sehr mit dem anderen und seinen Emotionen beschäftigt, dass wir uns selbst verlieren.
Mitfühlen ist Mitgehen und die Welle fliessen lassen.
Mitleid ist oft ein inneres Kontrollbedürfnis - wir wollen die Welle dabei stoppen. Weil wir in uns selbst die Resonanz des Schmerzes nicht aushalten.
Und genau daraus entsteht der bei Eltern oft zu beobachtende Aktionismus: Der Erwachsene will das Schmerzhaft "wegmachen", aber das Kind braucht eigentlich vor allem eines: Raum, in dem es sich sicher, gehalten und co-reguliert fühlt.
Co-Regulation: Kinder regulieren sich über dich – wenn du neutral bleiben kannst
Kinder regulieren sich über Co-Regulation. Das heißt:
Sie brauchen den Erwachsenen, damit das Nervensystem sich beruhigen kann.
Je ruhiger du bleibst – desto schneller findet dein Kind zurück.
Wenn du in extreme Emotionalität gerätst, hat dein Kind keinen stabilen Anker mehr. Das kannst du dir bildlich vorstellen:
Stell dir vor, dein Kind „ertrinkt“. Du wärst der Anker.
Wenn du jedoch selbst völlig in Bewegung gerätst, muss dein Kind ständig hinterher schwimmen – und findet nie wirklich Ruhe.
Neutralität und Raumhalten sorgen dagegen dafür, dass du eher „Fels in der Brandung“ wirst: ruhig, stabil, verlässlich.
Oder ein anderes Bild:
Stell dir vor, du machst eine herausfordernde Wanderung zu einem hohen Gipfel. Du hast einen Guide, der diese Wanderung schon 800x gemacht hat. Er ist sicher dort oben, er kennt den Weg und er kennt die Gefahren. Aber er wirkt souverän, er ist innerlich ruhig und im Vertrauen. Und genau deshalb kannst du dich mit gutem Gefühl in seine Führung begeben.
Stell dir nun aber mal vor, dieser Guide wäre selbst in der Angst, im Drama, und wäre mit dieser Wanderung überfordert. Könnte sich diesen Gefahren nicht stellen. Wie sicher würdest du dann diese Wanderung meistern? Ich bin mir sicher, du würdest hinterher sagen: das mache ich nie wieder!
Co-Regulation ist also etwas, das wir in bestimmten neuen oder unbekannten Situationen auch als Erwachsene noch brauchen. Wir wünschen uns dann jemanden, der diesen Raum mit uns gemeinsam und für uns halten kann. Auch wenn wir letztendlich die Aufgaben selbst meistern müssen, so hilft es doch immens, wenn einer an unserer Seite ist und uns seine Ruhe, seine Stabilität und sein Vertrauen schenkt.
Fazit: Raum halten ist das Allerwertvollste
Raum halten ist deshalb so wirkungsvoll, weil es gleichzeitig drei Dinge ermöglicht:
Gefühle dürfen da sein (ohne sie zu unterdrücken oder zu bekämpfen).
Verantwortung wird klarer (du bist für dich und deinen Raum verantwortlich, nicht für den des anderen).
Präsenz bleibt möglich – und mit ihr eine schnellere Regulation.
Intuition bleibt vorhanden, denn nur wo wir klar und präsent bleiben, kann die intuitive Führung aus der Herzintelligenz uns noch erreichen. Somit können wir bessere Entscheidungen treffen, als wenn wir im Drama stecken.
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