Die ersten 3 Lebensjahre (inklusive Schwangerschaft) prägen unser Gehirn entscheidend. Hier werden die Grundbausteine gelegt für:
- die emotionale Entwicklung
- die kognitive Entwicklung
- die kommunikative Entwicklung
- die soziale Entwicklung
- die Resilienz
- das Urvertrauen
- die Beziehungsfähigkeit
Ganz schön viel, oder? Das ist ein Grossteil dessen, was einen Menschen ausmacht.
Alles, was das Kind in den ersten Lebensjahren immer und immer wieder erlebt und auch tut, wird synaptisch im Gehirn verknüpft und zu einer Art "Autobahn" ausgebaut, während die Dinge, die es nicht tut, kleine Pfade bleiben. Gerade im Schlaf werden ständig neue Indexneuronen angelegt, welche die Plastizität, also die Formbarkeit des Gehirns, sicherstellen. Auch nicht benutzte Gehirnzellen werden im Schlaf abgebaut und so ordnet sich das Gehirn immer wieder neu an, räumt auf und stellt das zur Verfügung, was in erster Linie gebraucht wird, denn das muss im Alltag griffbereit sein.
Spiegelneuronen sorgen in den ersten Lebensjahren dafür, dass Kleinkinder und Babys über Nachahmung lernen. Sie beobachten ihre Eltern und ihre Umfeld und reagieren unmittelbar darauf. Wenn sie Stress in ihrem Umfeld spüren, wenn das Lächeln der Mama von Sorge gedrückt ist, dann hinterlässt das bereits im Säugling ein Gefühl von Unwohlsein, Stress und Unstimmigkeit.
Kinder lernen ebenfalls durch frühkindliche Reflexe, die wie ein instinktives autonomes Programm in jedem Säugling (sogar schon während der Schwangerschaft) ablaufen. Diese Reflexe müssen frei ablaufen können, ähnlich einem Computerprogramm, damit sie erwartungsgemäss funktionieren. Häufig sind aber Störungen in den frühkindlichen Reflexen zu finden - zum Beispiel aufgrund von äusseren Einflüssen, Geburtstraumata oder Stress im Umfeld.
Und dann können diese Programme nicht abgespielt werden, sie holpern, stolpern und fallen zum Teil ganz aus. Dann haben wir Babys, die nicht richtig an der Brust saugen, die nicht krabbeln und später Kinder, die sozial oder kognitiv auffällig sind.
Die ersten 1000 Tage sind also geprägt von einem ganz fein abgestimmten Zusammenspiel von intrinsischen Impulsen (Reflexen) und extrinsischen Impulsen (Reaktion auf Umfeld über Spiegelneuronen), die dann die Verarbeitung und Funktionsweise des Gehirns bestimmen, was wiederum das Verhalten und die Persönlichkeit des Menschen ausmacht.
So gleicht aufgrund der unterschiedlichen Impulsen von innen und aussen kein Gehirn dem anderen. Die Verarbeitung und die "Autobahnen" im Gehirn sind bei jedem Kind und Menschen unterschiedlich.
Was brauchen Kinder, um sich in den ersten 1000 Tagen optimal zu entwickeln?
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Sicherheit und Geborgenheit: es ist das wichtigste Fundament, das in dieser Phase gelegt wird und das ganze spätere Leben prägen kann. Kinder brauchen eine verlässliche
Bezugsperson, die sicher für sie da ist und ihnen Liebe, Schutz, Geborgenheit schenkt. Das sind im Idealfall die Eltern, weil in einem sicheren entspannten 1:1 Kontakt das kindliche Gehirn
sich am besten entwickeln und das Nervensystem optimal reifen kann. Die Eltern bieten einen sicheren Rahmen zur Erforschung des Umfeldes, durch das sich neuronale Verknüpfungen in rasanter
Geschwindigkeit bilden. Die Co-Regulation über den Elternteil ist gewährleistet, weil sich das Kind auf dem Arm der Mutter/des Vater, mit dem Ohr am Herzschlag, optimal beruhigen
kann.
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Präsenz und Kommunikation: Kinder brauchen ein Gegenüber brauchen, das sie anlächelt, das ihnen offen begegnet, das Interesse zeigt und mit ihnen in Kommunikation geht, sowie
mit ihnen die Welt erkundet. Das gelingt am besten, wenn es eine persönliche 1:1 oder 1:2 Ansprache gibt. Das Gehirn und die frühkindlichen Reflexe entwickeln sich in direktem Austausch mit
den Eltern und der Interaktion mit ihnen. Deshalb ist es nicht egal, ob und wie Eltern mit ihrem Kind sprechen oder ob sie dabei in ihr Mobiltelefon schauen. Säuglinge registrieren jede
Nuance an Stress, Hektik oder Ablehnung, auch in Gestik, Mimik und Stimmlage.
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Entspanntes Umfeld: das Gehirn von Kindern kann sich in einem entspannten harmonischen Umfeld am besten entwickeln. Streit, Stress, Kontrolle und Anspannung dagegen
verzögert die Entwicklung, weil das Gehirn mit Stressregulation statt mit der neugierigen Erkundung der Umgebung beschäftigt ist. In Fremdbetreuung, vor allem wenn viele Kinder, hoher
Lärmpegel und wenig Personal da ist, und wenn das Kind dort sehr viel Zeit verbringt, ist der Stresspegel von Kindern deutlich höher und gleichzeitig die Möglichkeit zur entspannten
Erforschung, dem Erleben des eigenen Seins ohne Kontrolle, deutlich geringer.
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Naturerfahrungen: Kinder brauchen Natur, Kontakt zu echten Lebewesen und Erfahrungen. Künstliche Welten wie Medien, Plastik, verschlossene Räume schaden der
Gehirnentwicklung, während frische Luft, grüne Wiesen und Bäume, das Beobachten von Käfern und Schnecken, das Herumtoben im Wald, das Streicheln einer Katze usw. ihre sinnliche, kognitive,
soziale und spirituelle Entwicklung und auch die Ausreifung der Reflexe optimal unterstützen.
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Freie Entwicklungsräume: Kinder müssen ihre Programme abspielen dürfen, dazu gehört auf dem Boden zu liegen, Treppen hochzusteigen, zu laufen, zu rennen, zu spielen, zu
schreien... Unterbindest Du solche Dinge weil Du sagst "Der Boden ist dreckig", "Das Klettern ist zu gefährlich" oder "Sei nicht so laut", hemmst Du Dein Kind in seiner optimalen
Gehirnentwicklung. Ich beobachte außerdem auch, dass Kindern oft nicht die Zeit gelassen wird. Weil Eltern unter Zeitdruck sind, setzen sie das Kind in den Wagen und tragen es schnell die
Treppe hoch. Für eine optimale Entwicklung dürfen Eltern jedoch Zeit, Geduld und Langsamkeit - ja sogar Langeweile - wieder zulassen und integrieren.
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Co-Regulation: Verstehe, dass Dein Kind sich in den ersten 1000 Tagen nicht von selbst regulieren kann, wenn es emotional wird. Es braucht dafür Deine liebevolle und klare
Begleitung. Die eigene Selbstführung und Regulation, der Umgang mit Emotionen und Bedürfnissen sowie die Begegnung mit / Meisterung von Herausforderungen (also die Resilienz der Eltern) ist
ein entscheidender Einflussfaktor für die Entwicklung des Kindes. Eltern sind die wichtigsten Vorbilder, an denen Kinder durch Spiegelneuronen alles lernen: vom Umgang mit Frustration bis hin
zur Beziehungsfähigkeit. Ich bin immer wieder sehr überrascht, dass selbst Erzieher:innen in den Kitas Eltern vorwerfen, dass ihre Kinder sich nicht regulieren könnten. Dieses Verhalten ist
einem Kind in diesem Alter nicht von alleine möglich. Und es wird umso schwerer, wenn es früh in die Betreuung kam und ihm damit Bindung und Sicherheit, Vorbild und Co-Regulation der Eltern
fehlten.
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Erfolgserlebnisse: bereits kleine Kinder suchen und brauchen Herausforderungen, die sie meistern, denn es sind genau diese Erfolgserlebnisse, die ihren Dopaminspiegel, ihr
Belohnungssystem aktiviert und sie zu weiteren Aktivitäten und zum Lernen anspornt. Es ist der intrinsische Motivator, der für Entwicklung sorgt. Deshalb ist es wichtig, Kinder etwas alleine
machen und meistern zu lassen, anstatt ihnen alles abzunehmen. Es ist evtl. bequemer für Dich, Dein Kind schnell die Treppe herunterzutragen, aber für die Entwicklung des Kindes ist das
Selbst-Laufen ein immens wichtiger Schritt. Das Gefühl "Ich habe es allein geschafft" kann Dein Kind nur durch solche Erfahrungen bekommen.
Übrigens ist mit diesem Punkt nicht gemeint, dass wir das Kind "alleine" lassen oder es überfordern. Es ist eher ein liebevoll begleitetes Tun, bei dem Eltern mit Worten unterstützen und das Erleben des Kindes "miterleben", dafür den stabilen Raum halten.
Kinder sind also keine kleinen Erwachsenen und brauchen die Unterstützung und sensitive Begleitung der Erwachsenen. Wir dürfen liebevoll und achtsam mit ihnen umgehen. Wer sich mit seinem Kind verbunden fühlt, spürt intuitiv, ob das Kind überfordert ist, klare Führung bräuchte, Ruhepausen oder Kuschelzeit. Gerade sehr sensible Kinder haben Probleme, sich in Kitas zu integrieren, weil sie sehr unter Anpassung leiden können.
Eltern, die in der Hektik des Alltags selbst keinen Zugang mehr zu sich finden, nur noch funktionieren, sind oft so sehr von sich und ihren Gefühlen abgeschnitten, dass sie ihre Kinder nicht mehr stimmig wahrnehmen können. Sie verlangen dann von ihnen oft unmögliches, weil sie den eigenen Druck ungefiltert weitergeben.
Falls Du Dich in dieser Beschreibung wiederfindest, lass Dir gerne helfen. Die Arbeit mit Dir selbst kann wieder viel mehr Verständnis für Dein Kind ermöglichen.
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