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Warum wir aufhören sollten, Kinder zu optimieren - und was stattdessen zählt

 

Ich sehe es überall – und ich schließe mich selbst nicht aus. Auch ich tappe manchmal in diesen gesellschaftlichen Automatismus. Und ich möchte vorweg eines sagen: Die meisten Eltern tun das nicht mit Absicht. Viele handeln unbewusst, aus Liebe oder aus Angst. Dieser Artikel soll keine Anklage sein – er darf als eine Einladung zur Selbstreflexion und persönlichen Weiterentwicklung verstanden werden.

 

was meine ich mit "kinder optimieren"?

 

Es beginnt eigentlich schon vor der Geburt. Kaum ist frau schwanger, startet unbemerkt ein Vergleich: Wer hat den schönsten Bauch? Wer nimmt am wenigsten/oder am meisten Gewicht zu? Wer hat die besten Ärzte? Die durchdachteste Babyausstattung? Die begehrteste Kita? Und mit der Geburt überträgt sich dieser Leistungsanspruch – fast unmerklich – auf das Kind selbst. Eltern optimieren sich selbst und damit ihr Umfeld: wie kann ich in kürzester Zeit am meisten schaffen? Wie kann ich mit dem geringsten Zeitaufwand das gesündeste Essen kochen? Wie kann ich Dinge clever delegieren oder nebeneinanderher / gleichzeitig machen, so dass Zeit eingespart wird? Wie kann ich schon bei der Geburt des Kindes den best-performenden ETF anlegen?

Dieses Mindset wird befeuert durch soziale Medien und übt ziemlich Druck aus. Denn egal, was und wie man oder frau es macht. Überall könnte es noch besser und optimaler sein. Spätestens beim Wiedereinstieg in den Berufsalltag als Frau spürte ich: Ich muss überall Abstriche machen. Und so war ich sehr oft unzufrieden und erwischte mich in gescheiterten Perfektionismusschlaufen oder Kontrollmechanismen (denn am Ende läuft es darauf hinaus.) 

Wir pushen und fördern, manchmal bewusst und mit viel Energie, manchmal so subtil, dass wir es selbst kaum erkennen. Mehr zu haben und zu sein scheint besser. Weniger Zeit für eine Aufgabe zu brauchen auch.

 

Heute sehe ich zum Teil mit Bedauern zurück und frage mich, warum ich das, was ich hatte, nicht einfach geniessen konnte. Warum ich nicht präsent im Hier und Jetzt war, sondern in Gedanken schon beim nächsten Essen, dem nächsten Projekt, dem nächsten Tag... Vielen Eltern geht es so. Sie sehen oft nicht, wie wertvoll es ist, wenn ein Kind einfach im Sand spielt, die Garderobe ein- und ausräumt oder Stöcke schnitzt. Diese Momente brauchen keine Rechtfertigung – sie sind Kindheit und sie sind erfüllt von Langsamkeit und Raum. Einem Raum, der uns Erwachsenen abhanden gekommen ist. Wenn wir Kindern zuschauen, fehlt uns oft die Wertschätzung und Geduld für soviel Zeit, Raum und Langsamkeit. Ja wir sind oft sogar genervt: jetzt will er zum hundertsten Mal schaukeln oder stellt 10x die gleiche Frage!

 

Dabei ist genau das der Ausdruck von Nicht-Linearität. Von wahrem Sein. Diese Qualität kommt in ungefähr dem nahe, wie es der Seele in der Unendlichkeit gehen muss. Reine Präsenz, reines Hier und Jetzt. Ohne Ziel, ohne warum, ohne machen, ohne Leistung...

Doch Leistungsdruck erfahren Kinder heutzutage immer früher und immer intensiver.

 

warum optimieren Eltern?

 

Im folgenden schildere ich meine Beobachtung an mir selbst und an Familien, die ich begleitet habe oder persönlich kenne. Ich denke, es ist ein menschliches Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln und dem Potenzial entgegen zu streben. Doch manchmal schiesst die Selbstoptimierung am Potenzial vorbei. Weil wir nicht das WESENTLICHE in uns weiterentwickeln, sondern Dinge optimieren, die für das Leben und unsere Seele nebensächlich und unwichtig sind. Sowas wie Erfolg und Materielle Anhäufung zum Beispiel.


Es gibt im Wesentlichen drei Beweggründe für Optimierung – und alle sind menschlich und nachvollziehbar:

1. Das Mitschwimmen im Strom
Viele Eltern folgen einfach dem, was um sie herum passiert – ohne groß darüber nachzudenken. Dahinter steckt oft der tiefe menschliche Wunsch, dazuzugehören. 

2. Die Angst ums Kind
Manche Eltern handeln aus einer tiefen Sorge heraus: Was, wenn mein Kind nicht mithalten kann? Was, wenn es scheitert? Diese Angst ist verständlich – sie kommt aus Liebe. Und doch lohnt es sich, sie genauer anzuschauen, denn sie kann das Kind belasten, anstatt es zu stärken. Sie kann das kindliche Selbstvertrauen verletzen.

3. Der eigene Selbstwert
Das ist vielleicht der heikelste Punkt – und der, über den am wenigsten gesprochen wird. Und dennoch ist er überproportional präsent: Wenn ein Kind nicht „funktioniert", wenn es nicht den Erwartungen entspricht, kann das für Eltern das unangenehme Gefühl auslösen, selbst nicht gut genug zu sein - und das ist umso schmerzlicher, wenn dieses "Ich bin nicht gut genug" schon als Verletzung in der eigenen Kindheit erfahren wurde. Der Druck, den Eltern auf ihre Kinder ausüben, hat oft weniger mit dem Kind zu tun als mit dem eigenen Bedürfnis nach Anerkennung von außen.

Es ist am Anfang etwas überraschend und vielleicht sogar erschreckend, zu entdecken, dass wir Optimierung zur Kompensation unerfüllter tiefer Bedürfnisse wie Liebe, Anerkennung oder Selbstwert benutzen. Es braucht Mut, sich der inneren Verletzung und dem eigenen Selbstwertgefühl zuzuwenden. Denn sich das einzugestehen, löst ein noch tiefer liegendes Gefühl aus: SCHAM. So kann ich es zumindest aus eigener Erfahrung sagen. Ich schämte mich dafür, zu erkennen, dass ich möglicherweise nicht gut genug bin oder sein könnte oder dass ich zumindest Angst vor diesem Risiko habe.

 

Doch alle Kompensationsstrategien der Selbstoptimierung dürfen zunächst wertgeschätzt werden, weil sie uns als Kind dazu gedient haben, uns emotional sicher zu fühlen.

Der nächste Schritt ist, vielleicht zu sehen, dass sie im Hier & Jetzt NICHT MEHR die beste Strategie sind, um uns weiter zu entwickeln und zu erkennen, dass diese Strategien eigentlich nie dazu geführt haben, die unerfüllten Bedürfnisse zu befriedigen. Und so kann die REISE in deine wahre innere Kraft und dein Potenzial beginnen.

     

die unsichtbare Druckverdoppelung

 

Die Schule übt bereits Druck auf Kinder aus. Idealerweise schaffen Eltern diesbezüglich einen Ausgleich – sie federn Druck ab und bieten einen geschützten Raum, einen sicheren Hafen, wo die Kinder aufgefangen, gehalten und wertgeschätzt sind.

Doch das Gegenteil ist immer häufiger zu beobachten: anstatt als Druckventil zu fungieren, verdoppeln viele Eltern den Druck (unbewusst). Sie legen ihren eigenen Leistungsdruck, ihre Versagensangst, ihre Existenzangst und ihr instabiles Nervensystem und Selbstwergefühl oben drauf. Und sie geben die Erwatungen, Anforderungen und Anschuldigungen der Schule oft ungefiltert weiter - Top down sozusagen. (Wir kennen dieses Phänomen aus Unternehmen, wo Führungskräfte zwischen dem Druck des obersten Managements und den Mitarbeiter:innen zerrieben werden). 

Es dürfte jedem klar sein, dass eine solche Situation sowohl die Beziehung als auch die Gesundheit und Motivation in den Familien verschlechtert, obwohl Eltern ihre Heranwachsenden damit eigentlich antreiben wollen.

Was bräuchten wir stattdessen?

Es nützt wenig, dem Kind zuzureden, dass es das schon schaffen wird, wenn Eltern selbst überfordert sind und innerlich zweifeln – an sich, an der Welt, an ihren Kindern, und letztlich daran, dass das Leben einen guten Plan hat. Kinder spüren das. Sie spüren, ob die Worte mit dem inneren Erleben der Eltern übereinstimmen.

 

was kann sich verändern?

 

Wenn Eltern beginnen, sich mit ihren eigenen Versagensängsten, ihrem Selbstwertgefühl und ihrem inneren Glaubenssystem auseinanderzusetzen, verändert sich etwas im ganzen Familiensystem.

Erwartungen werden nicht mehr unreflektiert weitergegeben, sondern hinterfragt. Alte Verletzungen aus der eigenen Kindheit können geheilt werden – im eigenen inneren Kind – anstatt auf die nächste Generation übertragen zu werden.

Das bedeutet nicht, perfekt zu werden. Es bedeutet, ehrlicher zu werden – mit sich selbst.

Einige hilfreiche Fragen dafür:

  • Was glaube ich über mich selbst und über diese Welt?
  • Was hat für mich wirklich Wert – jenseits gesellschaftlicher Erwartungen?
  • Wo lebe ich meine eigenen Werte, und wo folge ich nur dem Strom?
  • Was brauche ich, um mich innerlich getragen zu fühlen?

 

was passiert, wenn wir aufhören, zu optimieren?

 

Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht ungewohnt, es kommen Ängste hoch, wenn wir nicht mehr zur breiten Masse gehören, wenn wir Dinge anders sehen und anders machen. Aber es passiert dabei etwas Wichtiges:

Kinder kommen möglichst unbeschadet durch das System. Nicht als Menschen, die gelernt haben zu funktionieren – sondern als Menschen, die noch wissen, wer sie sind. Menschen, die sich noch ein Stück weit fühlen, die den Zugang zu sich nicht ganz verloren haben. Die kritisch denken können, weil Eltern ihnen das vorleben. Die noch wissen, wofür sie sich begeistern, wo der innere Funke also noch leuchtet.

Das könnte meinem Empfinden nach eine der wertvollsten Erfahrungen sein, die Eltern ihren Kindern in diesen Zeiten mitgeben können.

 

die folgen der optimierung


Wenn der Fokus dauerhaft auf Vergleich und Leistung liegt, entsteht ein sogenanntes fixes Mindset: Fehler werden als Bedrohung erlebt, nicht als wichtiger Schritt und Teil des Lernens. Ein solches Mindset bremst Mut, Kreativität, Lebendigkeit und Innovation - alles Fähigkeiten, die wir in einer Welt des Wandels dringend brauchen werden, Fähigkeiten, die unsere Kinder in Zukunft tragen werden.

Kinder, die vor allem auf Anerkennung und Druck von außen konditioniert wurden, haben es schwerer, einen stabilen inneren Selbstwert aufzubauen. Dieser Selbstwert ist dann von Lob und Erfolg abhängig – und bricht leicht ein, wenn Dinge nicht nach Plan laufen. Echte Empathie und demokratisches Denken – das Aushalten von Andersartigkeit und Widerspruch – gedeihen in einem solchen Umfeld schwerer oder werden manchmal sogar mit Absicht untergraben.

 

(Wie wir als Eltern stattdessen ein potenzialförderndes Mindset entwickeln helfen, liesst du in meinem Blogartikel zum GROWTH MINDSET).

 

und am Ende: Selbstliebe


Eltern, die ihre Aufgabe darin sehen, Kindern einen wohlwollenden schützenden Raum zu kreieren, brauchen ein tiefes Vertrauen in sich und die Welt. Sie brauchen Selbstliebe. Und das unterscheidet sie auch von den „Helikopter-Eltern“, die den Schutz des Kindes durch Kontrolle erzwingen wollen. 

Eltern, die einen inneren Anker haben, der nicht vom Urteil anderer abhängt, können für ihre Kinder einen Schutzraum auch wirklich auf Dauer halten, (während Helikopter-Eltern in der Krise einbrechen oder ins Drama fallen). Sie können sagen: „Ich glaube an dich, egal was andere sagen. Gemeinsam schaffen wir das.“ Und das Kind spürt: Das ist wahr.

Früher hat diese Verankerung oft die Religion oder die Verbindung zur Natur gegeben. Heute suchen viele Menschen auf unterschiedlichen Wegen danach – in Spiritualität, in Therapie, in Communities. Das kann einerseits unterstützen. Wichtig ist aber zu erkennen: Diese schöpferische Kraft, diese innere Führung – sie ist nicht im Außen zu finden, sie ist bereits in dir. Du darfst dich ganz einfach wieder an sie erinnern.

 

In meinen Begleitungen, Workshops und meiner KRAFTREISE FÜR ELTERN findest du spielerischen Raum, diese Wiederentdeckung zu erleben.

Denn wenn Kontrolle und Perfektionismus, Optimierung und Leistungsdruck losgelassen werden, hat die Energie wieder die Möglichkeit zu fliessen. Und dann ist echte Beziehung, Menschlichkeit, Empathie die Folge - also das, was sich eigentlich alle Eltern für ihre Familie tief im Herzen wünschen.

 


 

Dieser Artikel ist eine Einladung. Keine Verurteilung. Für dich. Als Mutter oder Vater. Als Mensch.

Und wenn du dir Unterstützung auf diesem Weg wünschst, dann melde dich gerne.

 


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